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Die englische Leitkultur



In his book "Changing Enemies," Noel Annan records a meeting with Konrad Adenauer in late 1945, shortly after Adenauer's dismissal as Mayor of Cologne by the British Military Government. Annan, then with the Political Division, went to mollify him, but found him in a relaxed and philosophical mood. Finding that Annan was a historian, he asked "What was the greatest mistake that the English ever made in their relations with Germany?"

Annan prudently asked him to answer his own question, and he replied: "It was at the Congress of Vienna, when you foolishly put Prussia on the Rhine as a safeguard against France and another Napoleon."

Adenauer was surely right. This ill-considered move led to the unification of Germany under the aegis of a militaristic Prussia, with the mineral resources of the Ruhr to aid the process.

From "Some curious eclipses—changing fashions in the writing of history" by John Grigg, Times Literary Supplement, 2 May 1997 (selected by Ted Pasca)

Was hat die kleine Insel Mauritius dem grossen Deutschland voraus? Vieles: ein warmes Meer, Korallenstrände, und noch etwas: englisch als Kultursprache, ja fast als Muttersprache. Damit ist Mauritius ein global player, der dem feinsten Club unter den Ländern angehört: der anglophonen Gemeinschaft.

Mitglied der bei weitem wichtigsten Wirtschaftssprache (Anzahl der Muttersprachler x Pro-Kopf-Einkommen) zu sein ist mehr denn je bares Volkseinkommen wert, und zeigt sich im Zeitalter der Internetzung und Globalisierung darin, dass Mauritius seine Nachbarinseln wirtschaftlich weit überflügelt.

Und Deutschland? Einmal in seiner langen Geschichte hatte Kontinentaleuropas Kernland die Chance der Anglisierung: von 1945 bis 1949. Kurze Jahre der Bizonenverwaltung, während denen zahllose junge Deutsche Englischkenntnisse erwarben und die angelsächsische Welt kennenlernten: als Kriegsgefangene, Besatzungsangestellte, Schwarzhändler, Lieferanten, Lizenzträger und Beschenkte. War die kurze aber intensive Anglisierung nicht einer der Ausgangspunkte des späteren Wirtschaftswunders?

In der globalisierten Welt ist Englischkenntnis unerlässlich, und englisch als Muttersprache ein Bonus, eine Startvorgabe, ein kleiner Adelstitel - wie so viele nicht-angelsächsische Wissenschaftler, Manager, Unterhalter, Autoren und Reisende schmerzlich erfahren müssen.

In der Welt bildet sich durch Globalisierung und Internetzung derzeit ein dreigeteiltes System heraus: Die Angelsachsen drehen sich eitel vor dem Spiegel, ihrer Führungsrolle bewusst; eine Reihe von Satellitennationen tun mehr oder weniger erfolgreich als ob sie dazugehören; und die vielen anderen Nationen bewundern das Schauspiel, dösen oder ärgern sich.

Die Briten und Iren stellen daher Europas feine Klasse dar, gefolgt von einer Reihe kleiner Satelliten- Länder, die englisch ungewöhnlich gut beherrschen, vor allem die nordischen Staaten, Benelux und Cypern. Das nahe Israel ist ein starker Satellit. Ausserhalb Europas gehören zu den erfolgreichen Satelliten zunehmend auch Länder oder Gebiete, die das Glück im Pech hatten, von den Anglos kolonisiert zu werden. Dazu gehört Mauritius ebenso wie die Philippinen oder Indien.

Frühe Erkenntnis ihrer kleinsprachlichen Beengtheit hat viele Länder bewogen, schrittweise auf englisch als Wirtschafts- und Berufssprache überzugehen. Die Niederlande etwa haben ihre Universitäten auf englisch umgestellt. Derzeit sind bereits 42 Prozent aller Internet-Webseiten in Europa englischsprachig, weitere 31 Prozent deutschsprachig, und alle anderen Sprachen Europas bringen es zusammen auf 27 Prozent. Weltweit ist damit deutsch wahrscheinlich derzeit die einzige halbwegs bedeutsame Internetsprache ausser englisch.

In der Wissenschaft zeigt sich mehr und mehr, wie sinnlos es heutzutage ist, anders als auf englisch zu publizieren: die französisch-, spanisch- und deutschsprachige Fachliteratur wird immer mehr zur l'art pour l'art-Übung: schön anzuschauen, bewundernswert oft, doch weitgehend nutzlos. Logischerweise haben auch in vielen deutschen Universitäten die Rechner englische Tastaturen.

In voller Härte zeigt sich die Lage im Internet. Während die Kanadier, Briten, Australier oder Neuseeländer - mit Abstand gefolgt von den Satelliten — erfolgreich im riesigen amerikanischen Teich mitschwimmen, sind die Nicht-Anglos ausgegrenzt - durch ihr sprachliches Handicap einerseits und ihr Nationalitätskennzeichen andererseits. Wer sich ein .be, .ch, .de oder .it an die URL anhängt oder eine andere Sprache als englisch benutzt, vergisst besser jede Ambition auf internationale Wahrnehmung.

Absurd wirkt die Kleinstaaterei in Europa, diktiert von den amerikanischen Internet-Aufsehern, die die Europäische Union garnicht wahrnehmen. Es gibt kein .eu Nationalitätskennzeichen und keine Suchmaschine besitzt eine .eu Filiale. Europa existiert nicht im Internet. Wer eine europaweite Suche bewerkstelligen will, muss hoffen, dass die amerikanische Suchmaschine (die sich natürlich international nennt) das Gewünschte zwischen hunderten amerikanischer und anderer Treffer leidlich liefert; sonst bleibt nur der Dornenweg durch die .fr, .de, .it usw. -Filialen der amerikanischen Suchmaschinen beziehungsweise ihrer oft noch schwachen lokalen Konkurrenz.

Bemerkenswert ist, dass die von der Ausgrenzung am meisten Betroffenen offenbar die rasante Anglisierung am wenigsten erkennen. Zwar hat sich die Kommission in Brüssel dem Vernehmen nach um das Internet bemüht, doch man beugte sich dem amerikanischen Spruch, dass ein .eu Zeichen nicht machbar sei.

Dagegen scheinen die Begünstigten den Anglisierungstrend besser zu erkennen. Das weiterhin gültige Nein der Briten zum Euro und ihr Zögern, sich stärker in die EU zu integrieren entspringt unter anderem dem Empfinden, dass man sich als eine Nation erster Klasse nicht zu sehr in einem Club niedererer Klasse engagieren sollte, wie Maggie Thatcher einmal meinte. Das wurde wohl von der erfolgreichen Satelliten- Nation Dänemark bei ihrem Nein zum Euro ähnlich gesehen.

So weh es den Kontinentaleuropäern mit ihren Abermillionen Mitsprachlern tun mag: im neuen Jahrhundert werden ihre Sprachen, so alt und schön sie auch sind, weitgehend an Bedeutung verlieren. Man mag englisch mögen oder nicht: es wird die lingua franca für Wirtschaft und Wissenschaft, selbst für Kunst, Kultur und allgemeine Korrespondenz. Die kontinentalen Sprachen werden graduell eine Bedeutung wie Swahili im heutigen Kenia erlangen: weiterhin gültig als Umgangssprache mit eigenen, auflagestarken Medien; für die wirtschaftlich, wissenschaftlich und kulturell aktiven Schichten wird es jedoch überall einflussreiche englischsprachige Medien geben. Englisch wird wichtigstes Fach in den Schulen werden, deren Aufgabe es sein wird, schon die Elementarschüler durch intensiven Englischunterricht für die Wirtschaft und das öffentliche Leben zu qualifizieren. Rechnen und Rechtschreibung kann auch der Computer. Aber englisch sollte man lernen, bevor man sich ins Internet einklinkt.

Das alles mag grausam klingen, doch es bietet auch ein Positivum: so wie Manche scherzen, dass die Sizilianer das schönste italienisch sprechen und schreiben, weil sie es als erste Fremdsprache erlernen, so würden manche Nicht-Anglos englisch besonders gut beherrschen. Nicht erst seit Joseph Conrad und Vladimir Nabokov schreiben Ausländer oft schöneres englisch als die gelegentlich nachlässigen Muttersprachler.

Die Kontinentaleuropäer werden sich der Herausforderung auf unterschiedliche Weise stellen: je kleiner das Land beziehungsweise die Sprachgemeinschaft, desto rascher die Umstellung. Zwei Millionen Slowenen wären eben schneller von der Notwendigkeit der Anglisierung zu überzeugen als 80 Millionen Deutsche. Prinzipiell werden Europas kontinentale Staaten zwei Kategorien bilden: jene, die die unausweichliche Anglisierung fördern, und jene, die sie bekämpfen.

Die kleinen Länder und Sprachgemeinschaften werden voraussichtlich die Anglisierung energischer fördern; auch einige der "neuen" Länder des ehemaligen Ostblocks und der Entwicklungswelt könnten dadurch Deutsche, Franzosen, Italiener und Spanier beim Streben nach Anglisierung überholen und vor ihnen in die Satelliten-Klasse aufsteigen, mit entsprechend positiven wirtschaftlichen Effekten.

Während Frankreich glaubt, sich mit Bekämpfung der Anglisierung einen Dienst zu erweisen, ist Deutschland unsicher. Deutschland hat eine alles durchdringende Leitkultur, die englische nämlich, will sie aber nicht recht wahrnehmen. Selbst so hoheitliche Behördenderivate wie die Deutsche Bahn ("Der Zugführer und sein Team begrüssen Sie...") und die Deutsche Telekom ("Warten Sie, bis der nächste Operator frei wird...") sagen dem Duden zunehmend ade; Sünden, die in Frankreich die Académie auf den Plan rufen würden. Wenn man die Sünder in Deutschland darauf anspricht, so antworten sie irritiert: ?Aber das ist doch längst Umgangssprache...? Man könnte Deutschlands Leitkultur wie folgt definieren: "Englische Leitkultur hat man, wenn man stolz ist, ein moderner Deutscher zu sein..." Ein junger Wirtschaftsführer meinte unlängst, er sei ein Amerikaner mit deutschem Pass. Man möchte hinzufügen: es wäre besser für Deutschland, wenn es in Zukunft mehr Amerikaner mit deutschem Pass als Deutsche mit amerikanischem Pass gäbe.

Wie aber steht es mit der Vereinigung Europas?

Zwar gilt es als unfein, über die heilige Kuh des alten Kontinents kritisch nachzudenken, doch stellt sich die Frage: ist die fortschreitende Integration Europas von Vorteil oder von Nachteil für die erforderliche Anglisierung?

Grundsätzlich bringt die fortschreitende Integration ein steigendes Sprachenbewusstsein und bessere Sprachenkenntnisse. Zweite und dritte Fremdsprachen erlernen sich in der Regel leichter, wenn eine erste Fremdsprache bereits gemeistert wird. Doch für den Einzelnen bedeutet die Herausforderung, Kontinentaleuropa für sich zu erobern, zunächst einmal das Erlernen aller möglichen Sprachen, nur nicht des Englischen. Von griechisch bis katalanisch, von finnisch bis portugiesisch gibt es eine Unzahl von Sprachen, die möglicherweise für den Einzelnen nützlich oder sogar unabdingbar werden. Das Rentnerehepaar, das ein Haus in der Algarve gekauft hat; das Unternehmen, das eine Filialfabrik in Ungarn baut - in Abwesenheit einer allgemein akzeptierten europäischen Sprache setzen sich die lokalen Sprachen durch.

Global gesehen sind aber diese hart erworbenen Sprachkenntnisse weitgehend nutzlos. Deutsch ist im Asien- oder Amerikageschäft nicht nützlicher als Serbokroatisch oder Swahili. Insofern ist die Integration Europas, da sie die sprachliche Lernkapazität des Einzelnen auf Kosten seiner potenziellen Anglisierung belastet, eher von Nachteil.

Während das offizielle Europa von den Früchten der Integration schwärmt, wäre es sinnvoll, die wirtschaftlichen Vorteile der Integration gegen die opportunity costs einer verzögerten Anglisierung und Globalisierung abzuwägen.

Es wird leicht übersehen, dass der institutionalisierten Wirtschaftsgemeinschaft Europas die Konkurrenz der faktischen Wirtschaftsgemeinschaft der anglophonen Länder samt ihren Satelliten erwachsen ist, und dass letztere durch das Internet rasant schnell zusammenwachsen, ohne dass die Politiker einen Federstrich tun müssen. Länder wie Irland, die beiden Gemeinschaften angehören, finden logischerweise das Brot auf beiden Seiten gebuttert.

Man mag also argumentieren, dass die Integration Europas teilweise die Sicht auf die wirkliche Herausforderung des neuen Jahrhunders verstellt, die Globalisierung nämlich, und dass die Strafe dafür hart sein wird.

Es ist an der Zeit, zu prüfen, ob Europas Integration nicht ein Konzept aus dem 19. Jahrhundert verfolgt, das aus kleinen Fürstentümern grosse Nationalstaaten schmiedete in der Annahme, dadurch werde alles besser. Nun entsteht eine Art von Nationalstaat Europa mit gemeinsamer Währung, gemeinsamer Schengen-Nationalität und einem gemeinsamen Problem: die Notwendigkeit der Globalisierung durch Anglisierung.

Wird durch die Integration der europäischen Nationalstaaten erneut alles besser? Oder vergeudet man etwa Zeit, Kraft und Steuergeld um eine regionale Integration herbeizuzwingen, die im Begriff ist, von einer globalen, anglozentrischen Integration überholt zu werden? Diese globale Integration ist locker, spontan und machtvoll: sie braucht kein gemeinsames Parlament, keine gegenseitigen Treueschwüre und keine Hymne. Eine gemeinsame Währung hat sie auch schon: den Dollar.

Damit Europas Integration der Globalisierung zuarbeitet anstatt sie abzuwehren, sollte versucht werden, Grossbritannien und die abseits stehenden europäischen Satelliten so schnell wie möglich in den Euro und die weitere kontinentale Integration einzubinden. Ein Lockmittel sollte man ihnen in nicht zu ferner Zukunft anbieten können: englisch als gemeinsame Sprache der Union. In den Gebäuden der Kommission in Brüssel ist ja englisch bereits die wichtigste Sprache geworden.

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—— John Wantock
"It is an old American habit to live abroad and to write about it, and the love affair that may accompany this living away from home is always fraught with intense self-consciousness: identity doubts itself. Is there an identify which is cosmopolitan?—as if the whole world were one city—and if that did turn out to be so, would an idiomatic `self' survive it? Can it exist without its shell, a nautilus without its chambers, exploring memory's fictional counterparts, appreciating all cultures, savoring all climes, and exploring all the vagaries and varieties of love?"

"See Naples — A Memoir of Love, Peace, and War in Italy" by Douglas Allanbrook. Houghton Mifflin Co. Boston and New York, 1995, 11 (selected by Ted Pasca)